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Paul Nizon

Die Zettel des Kuriers

«Ich glaube, das Heimatanbietende (und damit Identifikationsangebot) ging von der Landschaft und von der bäurischen Lebensweise aus.»

Paris ist der ideale, der geliebte Ort, an dem Paul Nizon zum «Unternehmer» wird, das heisst: zum unternehmungslustigen Flaneur. 1977 hat er seinen Lebensmittelpunkt aus der Schweizer Enge in die französische Metropole verlegt. Im Roman «Das Jahr der Liebe», vor allem aber auch in seinen Journalen legte er Zeugnis ab vom scharfen Blick des Beobachters, der auf den Strassen der Stadt immer wieder Überraschendes zu entdecken weiss. Beispielsweise in «Die Zettel des Kuriers» über den Zeitraum von 1990-1999.
Der Umzug in ein neues Studio weckt im Autor die Erwartung auf einen «Aufbruch» in ein unbekanntes Quartier. Die geistesgegenwärtige Neugier wird jedoch immer wieder konfrontiert mit Erinnerungen an das «Kindheitsland» im Haus an der Berner Länggasse oder an die Dörfer der Ferienzeit. Steckt in solchen Reminiszenzen bloss «Vergoldungsarbeit an der frühen Zeit», fragt er sich selbstkritisch, um sich einzugestehen, dass sie tiefer zielen: auf «die Gefahr eines möglichen Sprachverlustes». In der Fremde werden einstmals geläufige Worte und Wendungen im Gaumen hart. Auch wenn Paul Nizon in Paris ein Zuhause gefunden hat und die (erotischen) Reize dieser Stadt liebt, geht bei ihm das helvetische Gegenüber nie ganz vergessen. Die Person von Max Frisch steht exemplarisch dafür, wie eine Notiz vom 6. April 1991 verrät. Zwei Tage nach dem Tod Frischs erinnert sich Nizon an einen pedantischen «Ratgeberonkel» und «ungehorsamen Patrioten», dessen Welterfolg ihn auch kränkte – nicht ohne sich schamvoll einen «Mangel an Gefühlen und Zuneigung» einzugestehen.

(Beat Mazenauer)

Suhrkamp Verlag, Frankfurt / M. 2007

ISBN: 978-3-518-41972-4

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