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Venushaar

«In der Pause kann man im Dolmetscheraufenthaltsraum einen Kaffee trinken. Die Fenster gehen hier auf die Baustelle, wo ein neues Empfangsheim für Asylsuchende errichtet wird. In Abständen erglüht der weiße Plastikbecher in meinem Händen auf, das ganze Zimmer erstrahlt im Widerschein der Schweißblitze. Das kommt, weil der Schweißer direkt vor dem Fenster arbeitet. Niemand sonst ist im Raum, ich kann zehn Minuten ungestört lesen.»

„Warum haben Sie Asyl beantragt?“ Diese Frage muss der Erzähler ständig auf Russisch stellen. Er arbeitet als Dolmetscher für die Schweizer Einwanderungsbehörde. Tag für Tag übersetzt er die Leidensgeschichten seiner Landsleute. Auch er ist ein Emigrant, der seine Familie verloren hat: Nach einer schwierigen Scheidung beschränkt sich der Kontakt zu seinem Sohn auf einen Briefwechsel. Daneben versenkt er sich in die Lektüre: Er liest „Anabasis“, ein historisches Werk von Xenophon, und die (fiktiven) Tagebücher der (realen) russischen Sängerin Isabella Juriewa (1899-2000). Russland, die Schweiz, Italien, wo sich der „Dolmetsch“ verschiedentlich aufhält, Frankreich, wo Isabella Juriewa zeitweise lebte: Fremde Geschichten, eigene Erinnerungen und Gefühle, sowie Zeugnisse einer vergangenen Zeit vermischen sich in dem vielstimmigen Roman. Brillant verflicht er verschiedene Erzählstränge und menschliche Grundthemen: Krieg und Grausamkeit, aber auch Liebe und Kunst. „Venushaar“ zeigt die Menschen von ihrer schlimmsten und von ihrer schönsten Seite – virtuos und berührend.

Der in der Schweiz lebende russische Autor Michail Schischkin ist international bekannt für seine Romane, die in vierzehn Sprachen übersetzt wurden. Er hat die drei renommiertesten russischen Literaturpreise erhalten. „Venushaar“, Schischkins erster Roman, der auf Deutsch erschien, wurde u.a. mit dem „internationalen Literaturpreis – Haus der Kulturen der Welt“ ausgezeichnet.

(Ruth Gantert)

DVA, München 2010

ISBN: 978-3-442-74505-0

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