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Hans Boesch

Der Kiosk

«Es ist die alte Sache. Der Mensch ist unvernünftig. Weshalb nur hat Adrien das in seinen Plänen übersehen können?»

Mit «Der Kiosk» legt der Schriftsteller und Verkehrsplaner Hans Boesch (1926-2003) einen grandiosen Zeitspiegel der 1970er Jahre in Form eines grossangelegten, 400 Seiten starken utopischen Romans vor, dem wir in der Liebesgeschichte zwischen Boos und Eva eine der schönsten und erotischsten Liebesszenen der modernen deutschen Literatur verdanken. In einer wohldurchdachten Konstruktion mit vier den Jahreszeiten zugeordneten Teilen beinhaltet «Der Kiosk» die Aufzeichnungen des stummen Beobachters Boos. Dieser sitzt behindert im Rollstuhl, ihm fehlen beide Beine, die er bei einem Unfall verloren hat. Boos ist Kioskverkäufer in einem grossen Haus, das als Mikrokosmos Universität, Spital, Laboratorium, Fürsorgeamt und Leichenschauhaus in einem ist. Er wird immer wieder von faschistoiden Jugendlichen belästigt, die zum Schluss des Romans den Kiosk abfackeln, in dem Boos schläft. Der Herausgeber findet Boos’ Aufzeichnungen nach dessen Tod im Kiosk zwar angekohlt, aber vollständig und leserlich vor.

Diese Aufzeichnungen spiegeln drei Zeitebenen: Die Gegenwartshandlung umfasst die Beschreibung der Personen und Vorgänge im und um den Gebäudekomplex. Insbesondere drei weitere männliche Figuren sind von Bedeutung: Mac, ein englischer Kampfpilot, der im Zweiten Weltkrieg abgeschossen worden ist und in einem Korsett steckt, der Wissenschaftler Adrien mit einem Holzbein und schliesslich der Hauswart Hanselmann, eine bodenständige und erdverhaftete Figur. Die Gegenwartshandlung verbindet der Erzähler Boos kunstvoll mit der Rückblende in seine Vergangenheit, welche insbesondere die tragische Liebesgeschichte von Boos und Eva erzählt, der unglücklich verheirateten Frau eines Zolldirektors. Neben Gegenwart und Vergangenheit beinhaltet der Roman als dritte Zeitebene eine futuristische Perspektive, weshalb er auch dem Genre der Science-Fiction zugerechnet werden kann. Im Zentrum steht die groteske Idee einer vom Menschen befreiten Welt und seiner Verbannung in eine Unterwasserstadt. Das Projekt, das der Wissenschaftler Adrien entwickelt und als «Aktion Naturschutz» bezeichnet, besteht aus den drei Teilprojekten «Die Reinigung der Welt» – «ein Ausmisten sozusagen, mit dem all das entfernt wird, was der Welt zusetzt», gemeint sind die Menschen! –, «Unterwasserstadt», in welcher die für würdig befundenen Reste der Menschheit in kleinen Kojen ohne Kontakt untereinander weiterleben, und der «Totalschau», der Programmierung einer virtuellen Scheinwirklichkeit zur Unterhaltung der Bewohner in den Einzelzellen der Unterwasserstadt.
 
Illustration: Titelseite von Hans Boeschs Handexemplar mit handschriftlichen Eintragungen des Autors (SLA-HB- A-6/18)

(Rudolf Probst)

Artemis, Zürich 1977

ISBN: 978-3-0340-0836-5

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