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Gertrud Leutenegger

Panischer Frühling

«An jenem Morgen im April, als auf einmal vollkommene Stille im Luftraum über London herrschte, lief ich zum Trafalgar Square. Der Platz lag noch im Schatten, nur hoch oben auf seiner Säule, in unerreichbarer Einsamkeit, stand Lord Nelson schon im Sonnenlicht.»

Ejafjallajökull: so heisst der isländische Vulkan, dessen Ausbruch im Jahr 2010 ganz Europa buchstäblich in Atem hält und dem Luftverkehr beträchtliche Probleme beschert. Auch in London ist es ungewohnt still, es sind keine Flugzeuge am Himmel, dafür aber Vögel, Wolken. Im Frühjahr jenes denkwürdigen Jahres ist die Ich-Erzählerin von Gertrud Leuteneggers Roman in London unterwegs, eine Frau in ihren besten Jahren. Bei ihren Gängen an die Themse trifft sie auf einen jungen Mann, der im Londoner East End lebt.
Sein Gesicht ist durch ein Feuermal leicht entstellt, auf der London Bridge verkauft er eine Obdachlosenzeitung. Ihm, Jonathan, wird sie zuhören, seinen Geschichten. Ihm wird sie erzählen, von sich, Geschichten von heiteren Sommertagen in der Innerschweiz: Kindheitsgeschichten, Familiengeschichten. Immer wieder, von scheinbar beiläufigen Wahrnehmungen entzündet, wendet sich die Ich-Erzählerin den weit zurückliegenden Kindheitssommern zu, einem wunderbaren Haus, einem Zimmer mit einer Waldtapete, der Fahnenkammer, den Begegnungen mit Tieren, kleinen Ängsten und seltsamen Begebenheiten ‒ die Erinnerungen sind leuchtend hell. Irgendwann wird sich der Vulkan beruhigen, die Hektik kehrt zurück, und die Erzählerin und Jonathan treffen sich immer noch auf der London Bridge, und immer noch erzählen sie einander von früher. Auch Jonathan hat präzise und lebendige Erinnerungen an seine frühen Jahre, und auch diese sind immer gegenwärtig. Erinnerungen an seine Kindheit in Cornwall, in  P { margin-bottom: 0.21cm; }Penzance, wo er nach dem Tod seines Vaters bei seiner Grossmutter aufgewachsen ist.
Das Erzählen verbindet: "Nichts kann für immer verschwinden", heisst es gegen Ende des Romans einmal beiläufig. Darin, auch in der Beiläufigkeit, steckt ein ganzes Erzählprogramm.

(Martin Zingg)

Zur Übersetzung empfohlen von der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia:
www.12swissbooks.ch

Suhrkamp, Berlin 2013

ISBN: 978-3-518-42421-6

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