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Helen Meier

Trockenwiese

«Mit dem Geheimnis ist es wie mit der Liebe, wer auf Jagd nach ihr ist, findet sie nie, zur Hölle mit dieser Sucht, die glaubt, mit dem Wissen dem Geheimnis nahe zu sein (...). »

Helen Meier bevorzugt die kurze Prosaform. Ihr literarisches Debüt hat 1984 – im Alter von 55 Jahren – aufhorchen lassen. Die Erzählungen im Band «Trockenwiese» spielen an den Rändern der Gesellschaft, beispielsweise «Lichtempfindlich», womit die Autorin anlässlich des Ingeborg Bachmann-Preises 1984 auftrat. Ebenso anrührend wie formvollendet erzählt sie die Beziehungsgeschichte zwischen einer Sonderschullehrerin und einem in sie verliebten, geistig behinderten Schüler. Der Junge wirbt um die Lehrerin, bedrängt sie und später auch ihren Geliebten. Wie ihn dieser bei der Polizei anzeigt, stellt sich die Lehrerin auf die Seite ihres linkischen jugendlichen Verehrers.

Die Geschichte ist kennzeichnend für diesen Band: der überraschende Schluss, die kurzen, präzisen Satzperioden, die ländliche Idylle, in der kleine und große Geheimnisse nur notdürftig unter dem Deckel gehalten werden. Helen Meier erzählt schonungslos, doch nie bloss stellend von vereinsamten Alten, behinderten Aussenseitern und biederen Bürgern. Sie leben eingebettet in eine Ordnung, die zwar Sicherheit bietet, mit ihrer beklemmenden Fürsorglichkeit aber auch einengt und Verzweiflung provoziert. Das Leben scheint vor ihnen davon- und abzulaufen, ohne dass sich ihre Erwartungen auf das Glück erfüllt hätten. Ihre Figuren: späte Kinder, lüsterne Witwer und zornige alte Damen, erheben Anspruch auf Sex und Liebe und fürchten sich zugleich vor Berührung und Zuneigung. Die Erzählerin schmiegt sich ihnen gerne an, um die Mitleidlosigkeit ihres Blicks zu steigern und die unzimperliche Wortwahl zu schärfen.

(Beat Mazenauer)

Ammann Verlag, Zürich 1983

ISBN: 3-596-25455-8

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