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Luisa Famos

Poesias – Gedichte

«In tai m'ha scuverta» (In dir bin ich mir aufgegangen)

Luisa Famos (1930-1974) ist eine Legende. Keine fünfzig Gedichte sind von ihr erhalten: genug, um ihre poetische Handschrift zu erkennen. Ihre beiden Gedichtbände tragen sprechende Titel, «Mumaints» (Momente) und «Inscunters» (Begegnungen), die das Feld abstecken. Luisa Famos entwirft stille, klare Bilder: das wogende Ährenfeld, die gaukelnde Schwalbe, der ferne Sternenhimmel. In ihnen bleibt für einen kurzen Moment die Zeit stehen, offenbart sich ein Augenblick der liebenden Vereinigung mit einem Du, sei es Geliebter oder Gott. Umgehend aber löst sich diese Begegnung ins Gegenüber auf, gewissermassen mit einem filmischen Gegenschnitt. In den Ähren steckt der Schnitt der Ernte, also das Vergehen. Und von den Schwalben zeugen die Schatten, die über die weisse Mauer huschen.
Es sind diese minimalen Verschiebungen, die Luisa Famos Gedichte auszeichnen – sprachliche wie bildhafte. Die Sterne leuchten vom Himmel herab, die Optik der Dichterin fängt sie ein und erkennt sie von unten als «Fluors da la terra» (Blumen der Erde). «Was ist der Mensch?» fragt sie in «Gesu vain» (Jesus kommt) und lässt Verwunderung wie Erschütterung mitschwingen. Vielleicht ist der helle Nachruhm nicht zu trennen vom tragischen frühen Tod der Dichterin. Doch ihr letztes «Spetta / Anguel cullas alas d'or» (Warte / Engel mit den goldenen Flügeln) klingt schon in ihren Gedichten an, die wie von einer herbstlichen Patina überzogen sind.

(Beat Mazenauer)

Arche Verlag, Zürich 1994

ISBN: 3-7160-2190-3

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