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Sylvie Neeman

Etwas ganz Grosses

Ernste Problemgespräche führen ist nicht einfach. Schon gar nicht zwischen einem Grossen und seinem Kleinen, auch wenn sie sich «sehr lange und sehr gut» kennen. Weil der Grosse immer gross ist und der Kleine eben klein und wütend, weil er trotzdem etwas ganz Grosses tun möchte. Beide überlegen, was gross genug und trotzdem machbar wäre. Der Grosse fragt nach, um zu begreifen: Ein Leuchtturm? Ja, aber keinen bauen. Viel zu gross! Eine Reise? Zu weit, vielleicht eine kurze. Er führt das Gespräch, nimmt sich Zeit und den Kleinen «mit seinen verrückten Ideen» ernst. Darin ist der Grosse gross. Beim Spaziergang am Meer ergibt sich endlich die Gelegenheit für etwas Grosses: Der Kleine rettet einen Fisch.
Für ihre Parabel über das Grosswerden wählt Sylvie Neeman die traditionsreichste symbolische Figurenkonstellation und lässt doch bewusst offen, wer wann gross oder klein sein mag. Zu einer Lektion für Vater und Sohn wird diese kluge, federleichte Geschichte erst durch Ingrid Godon. Die Illustratorin muss Figuren darstellen und wählt, wohl aufgrund des maskulinen Artikels, das Naheliegende.
Ansonsten inszeniert Godon in ihren Bildern kongenial die Modellsituation und deutet sie zugleich in Einzelaspekten. So offenbart schon das Cover, wer im Zentrum steht: der Kleine, indem er als Figur ausgemalt und nicht nur konturiert ist - wie der Vater. Den stellt sie schemenhaft in den Vordergrund und den Sohn in dessen Schatten. Godons darstellerisches Prinzip – im selben Bild manches nur anzudeuten, anderes auszugestalten – gibt ihren Illustrationen Dichte und Transparenz, bildet sie doch Vorder- wie Hintergründiges, Sichtbares und Unsichtbares wie Gedanken und Gefühle simultan ab. Sie zeigt Fremdheit und Nähe und offenbart so die Intensität zwischenmenschlicher Augenblicke.

Ina Nefzer
(Quelle: SIKJM)

Mixtvision, München 2014

ISBN: 978-3-95854-019-4

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