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Robert Walser

Der Gehülfe

«Eines Morgens um acht Uhr stand ein junger Mann vor der Türe eines alleinstehenden, anscheinend schmucken Hauses. Es regnete.»

Mit diesen Worten beginnt Robert Walsers zweiter Roman Der Gehülfe, der 1908 im Bruno Cassirer Verlag in Berlin erschienen ist. Der Anfang ist deshalb charakteristisch, da er einen erwartungsvollen Auftakt verkündet, zugleich aber beiläufig mitteilt, dass der Schein trügt. Walser selbst stellte später in einem bemerkenswert vieldeutigen Satz fest, dass Der Gehülfe «eigentlich gar kein Roman ist, sondern nur ein Auszug aus dem schweizerischen täglichen Leben».

Der junge Mann heisst Joseph Marti und stellt sich an diesem Morgen beim Ingenieur Carl Tobler vor. Dessen neueste Erfindungen jedoch – eine Reklame-Uhr, ein Schützenautomat sowie ein neuartiger Krankenstuhl – erweisen sich mit der Zeit allesamt als Fehlschläge. So erhält der neue Gehülfe nach und nach Einblick nicht nur in die ökonomischen Verhältnisse des 20. Jahrhunderts sondern erlebt auch den allmählichen Verfall einer bürgerlichen Familie aus nächster Nähe mit.

Im Vergleich zu den beiden anderen Romanen Walsers Geschwister Tanner und Jakob von Gunten ist dieser konventioneller und lehnt sich stärker an realistische Erzähltraditionen an; so erinnert das schweizerische Bärenswil an Kellers Seldwyla. Aber ebenso wie die Fassade des bürgerlichen Hauses bröckelt, wird auch das ‹anscheinend› realistische Erzählen subtil unterlaufen. Die Handlung gerät in den Hintergrund, derweil sich die ökonomische Krise auf die erzählerische überträgt. Nicht zuletzt aufgrund seiner komplexen und raffinierten Erzählkunst gilt dieser Zeitroman als einer der prägnantesten Schwellentexte der Moderne.

(Marc Caduff)

Der Roman liegt in mehreren neueren Ausgaben bei Suhrkamp vor.

Bruno Cassirer Verlag, Berlin 1907

ISBN: 978-3-518-37610-2

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